Wer kümmert sich morgen um unsere Kinder?

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Warum uns die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern gerade jetzt besonders wichtig ist

Sinkende Geburtenzahlen, weniger Kinder und in manchen Regionen bereits leere Kita-Plätze: Die aktuellen Entwicklungen beschäftigen auch uns an der Ev. Schule für Sozialwesen „Hans Georg Anniès“ in Moritzburg. Denn was in Statistiken und politischen Diskussionen sichtbar wird, erleben wir ganz unmittelbar.

Zum Ausbildungsbeginn im August 2026 gab es deutlich weniger Bewerbungen für die Ausbildung zum/zur Sozialassistenten/in – einen der häufigsten Wege in die anschließende Erzieherausbildung. Für uns ist das ein deutliches Signal.

„Natürlich beobachten auch wir den Rückgang der Bewerbungszahlen. Gleichzeitig erleben wir täglich, wie vielfältig und anspruchsvoll der Beruf der Erzieherin und des Erziehers heute ist. Weniger Kinder bedeuten nicht automatisch weniger Bedarf an gut ausgebildeten pädagogischen Fachkräften“, sagt unser Schulleiter Paul Stark.

 

Weniger Kinder – weniger Fachkräfte?

Die Frage, wie viele Kinder künftig geboren werden, ist wichtig. Aber sie erzählt nur einen Teil der Geschichte. Für uns stellt sich eine andere, mindestens ebenso wichtige Frage: Welche Begleitung brauchen Kinder in Zukunft – und wer wird sie übernehmen?

Erzieherinnen und Erzieher begleiten Kinder in einer wichtigen Phase ihres Lebens. Sie fördern Sprache, entdecken Talente, stärken Selbstvertrauen und schaffen einen sicheren Ort zum Lernen und Wachsen. Sie arbeiten mit Eltern zusammen, begleiten Kinder mit besonderem Förderbedarf und unterstützen Familien in schwierigen Lebenssituationen.

Diese Aufgaben verschwinden nicht, nur weil vorübergehend weniger Kinder geboren werden. Im Gegenteil: Die Anforderungen an pädagogische Fachkräfte wachsen. Und auch die Arbeitsfelder werden vielfältiger.

Der Beruf ist längst mehr als Kita

Wer bei einer Ausbildung zur Erzieherin oder zum Erzieher nur an die klassische Kita denkt, übersieht, wie vielfältig dieser Beruf inzwischen ist. Pädagogische Fachkräfte begleiten Kinder und Jugendliche in Wohngruppen und Einrichtungen der Jugendhilfe, unterstützen Menschen mit Beeinträchtigungen, arbeiten heilpädagogisch oder begleiten Familien in besonderen Lebenssituationen.

„Jeder denkt, man kann mit der Ausbildung zum Erzieher nur in der Kita arbeiten, das stimmt aber nicht, denn der Beruf ist vielfältig“, erzählt Sarah Christoph, Fachschülerin im zweiten Ausbildungsjahr bei uns. „Uns ist wichtig, dass wir die unterschiedlichen Unterstützungssysteme bespielen können.“

Auch neue Aufgaben kommen hinzu. Seit dem 1. August 2026 wird der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung für Grundschulkinder schrittweise eingeführt. Der Bedarf an pädagogischer Kompetenz endet also längst nicht mit dem Kindergartenalter.

 

Fachkräfte werden gebraucht – heute und morgen

Gleichzeitig steht Sachsen vor einem Generationenwechsel. Am 1. März 2025 arbeiteten rund 39.000 Menschen im pädagogischen, Leitungs- und Verwaltungsbereich in sächsischen Kindertageseinrichtungen. Rund ein Fünftel war 55 Jahre oder älter. Viele erfahrene Beschäftigte werden in den kommenden Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden. Ihre Stellen müssen neu besetzt werden.

Und schon heute zeigt sich, wie groß die Herausforderungen sind: Eine Studie der Bertelsmann Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass 84,3 Prozent der sächsischen Kitas 2024 über höchstens 60 Prozent der wissenschaftlich empfohlenen Personalressourcen verfügten. Auch der Krankenstand ist hoch. Pädagogische Fachkräfte in der Kinderbetreuung kamen in Sachsen auf durchschnittlich 33 Krankheitstage im Jahr.

Für uns bedeutet das: Es geht nicht nur darum, genügend Menschen für den Beruf zu gewinnen. Wir müssen auch dafür sorgen, dass sie ihre Arbeit langfristig gut und gesund ausüben können.

 

Frühe Bildung ist eine Investition in die Zukunft

Dass die Bedeutung frühkindlicher Bildung weit über die Betreuung von Kindern hinausgeht, wird inzwischen auch auf Bundesebene stärker betont. Bundesbildungsministerin Karin Prien fordert mehr Investitionen in Kitas und Grundschulen und macht deutlich: Frühe Bildung ist auch eine Investition in die Fachkräfte von morgen.

Das sehen wir genauso. Gute Bildung und Begleitung brauchen Menschen, die Zeit haben, Beziehungen aufzubauen, Kinder individuell wahrzunehmen und ihnen Orientierung zu geben.

„Wenn nicht genügend Personal zur Verfügung steht, dann fehlt logischerweise auch die Zeit für qualitative Arbeit an den Klienten“, sagt Milena Zarrow, die bei uns im zweiten Ausbildungsjahr zur Erzieherin ist. „Das heißt konkret: weniger tiefgründige Beziehungen, die wesentlich für die gemeinsame Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sind, sondern hauptsächlich die Betreuung.“

Wir bilden für diese Zukunft aus

Genau deshalb ist es uns wichtig, jungen Menschen zu zeigen, wie viel in diesem Beruf steckt. Wir erleben bei uns jedes Jahr Schülerinnen und Schüler, die sich bewusst für einen sozialen Beruf entscheiden. Sie möchten Kindern Orientierung geben, Familien begleiten, Menschen mit Unterstützungsbedarf stärken oder später in der Jugendhilfe, Inklusion oder Heilpädagogik arbeiten.

Unsere Auszubildenden kommen dafür aus ganz Sachsen und darüber hinaus nach Moritzburg. Dass dies möglich ist, liegt auch an unserem Campus: Wer nicht aus der Region kommt, kann während der Ausbildung direkt vor Ort wohnen und Teil unserer Schulgemeinschaft werden.

Wir sehen jeden Tag, wie viel Potenzial in unseren Schülerinnen und Schülern steckt. Und wir wissen, wie dringend diese jungen Menschen gebraucht werden.

 

Weniger Kinder können mehr Qualität bedeuten

Der demografische Wandel stellt uns vor Herausforderungen. Er kann aber auch eine Chance sein. Wenn künftig weniger Kinder betreut werden müssen, könnten freiwerdende Kapazitäten genutzt werden, um Gruppen zu entlasten und mehr Zeit für jedes einzelne Kind zu schaffen.

Mehr Zeit für Sprachförderung. Mehr Zeit für Beobachtung und individuelle Entwicklung. Mehr Zeit für Elterngespräche. Mehr Zeit für Beziehungen.

Kurz gesagt: mehr Zeit für jedes einzelne Kind.

Dafür braucht es Menschen, die diesen Beruf ergreifen – und eine Ausbildung, die sie gut auf diese verantwortungsvolle Aufgabe vorbereitet.

Deshalb möchten wir die aktuelle Entwicklung nicht einfach als Zeichen verstehen, weniger pädagogische Fachkräfte auszubilden. Wir möchten darüber sprechen, welche pädagogische Qualität wir Kindern in Zukunft ermöglichen wollen und welche Menschen wir dafür brauchen.

Denn über die Zukunft unserer Kinder entscheidet nicht allein die Geburtenstatistik. Sie entscheidet sich dort, wo Menschen Kindern zuhören, sie ermutigen, ihnen Orientierung geben und sie auf ihrem Weg begleiten.

Und genau dafür bilden wir aus.

 

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